Auf der Suche nach Idolen. Und was Peter Wolf dazu sagt

Samstag, 01 Februar 2003

Auf der Suche nach Idolen. Und was Peter Wolf dazu sagt

Peter Wolf - über die österreichische Musikszene: „Es sind sehr schwere Fehler gemacht worden. Passiert ist das deshalb, weil alle nur dem schnellen Dollar nachlaufen. ... Das haben die verantwortlichen Herren im ORF richtig verschissen.“

Vorbei sind die Zeiten von Big Brother und Taxi Orange. Die Erfolge der letzen Jahre, bei denen höchste Einschaltquoten mit einem voyeuristischen TV-Format erzielt wurden, können wohl nicht mehr wiederholt werden. Die Idee, das brutale Aussiebverfahren bei Castings auf die Bühne und Leinwand zu bringen, kennen wir seit dem Musical „A Chorus Line“. Das Verfahren, mit dem seit vielen Jahren Stars in der Musikindustrie gesucht und gefunden werden, brachte uns Erfolgsgruppen wie die „Backstreet Boys“ – Megaseller, die massenhaft Geld in die Kassen der Musikindustrie gescheffelt haben.

Erfolgreicher als der Musikantenstadl
Dass man Castings fernsehtauglich machen kann, entdeckten die Engländer zuerst. Der selbe Produzent landete gleich darauf auch in USA mit der TV-Show „Star Search“ einen Quotenrenner. Am europäischen Festland übernahm als erstes Holland die Idee, es folgten Belgien und Deutschland. ‚Was überall funktioniert, geht auch bei uns, dachte sich wohl der ORF und gebar „Starmania“. Als Aufputz wurde Arabella Kiesbauer eingekauft, und der Quotenrenner war perfekt. Der Erfolg von Starmania überraschte nicht nur die Telkom, deren Leitungen bei den ersten Votings wegen Überlastung zerbröselten. Einschaltquoten von über 70 % erinnern an die besten Zeiten des “Musikantenstadls“.
Von den 1.700 Bewerbern wurden 12 ausgesiebt, und jeden Freitag abends werden mittels TV-Voting diejenigen bestimmt, die weiterkommen sollen. Von den beiden mit den wenigsten Stimmen wird eine/r mittels eines „Friendship-Tickets“ von den Kollegen zurückgeholt.

Lohn der Mühe: Ein Plattenvertrag
The winner takes it all: Er bekommt einen professionell produzieren Song von der Plattenfirma Universal. Aufgenommen wird von und bei Peter und Michelle Wolf in Kalifornien. Der österreichische Musikproduzent lebt seit vielen Jahren in Los Angeles, dem Mekka der Film- & Popindustrie. 70 Mio. verkaufte Alben, Soundtracks von Filmen wie Top Gun, Pretty Woman oder Kommissar Rex (nach „Baywatch“ die erfolgreichste Fernsehserie) dokumentieren seine glanzvolle Karriere.

Kein Blatt vor den Mund
Sein Frau, eine begnadete Sängerin, die mit vielen Größen des Musicbiz arbeitet, wird den Text für den Starmania Gewinner Song schreiben. Wir besuchten Peter und Michelle Wolf in Malibu/Los Angeles und führten folgendes Gespräch:
 
Der Weinberger: Was macht Deiner Meinung nach den Erfolg von Starmania aus?
Peter Wolf: Das interessiert alle, weil jeder eigentlich selber ein Star sein könnte, und deshalb ist die Identifikation sehr hoch. Es könnte natürlich auch die Nachbarin oder der Nachbar sein, vielleicht sind sie es auch. Ich beobachte in Amerika – und das entwickelt sich auch in Österreich in diese Richtung – dass das Publikum auf gemachte Stars „sick and tired“ ist. Man sieht das an den Verkaufszahlen von Mariah Carey oder Whitney Houston, die in den Keller gehen.
 
Überrascht Dich der Erfolg der ORF Show nicht?
Nein, denn die Österreicher haben das ja nicht erfunden, es waren die Engländer. In vielen Ländern laufen diese Shows sehr erfolgreich. Alle machen es nach. Ich finde es großartig, denn es ist wieder ein Aufschwung für die Musikindustrie und auch für die Kulturszene, obwohl wir das jetzt noch nicht sehen. Das kommt in 5 bis 10 Jahren, schätze ich. Jetzt ist es einmal ein auslösendes Moment, in dem sich die Jungen sagen: ‚Whow, ich könnte das eigentlich auch.’ Nur das zählt. Deswegen – GO!
 
Hältst Du diese Art von Suche nach Stars für geeignet, Künstlerpersönlichkeiten zu finden?
Ja, vielleicht. Aber ich glaub´, dass ist zweitrangig. Am wichtigsten ist, dass sich junge Leute überhaupt wieder interessieren, Musik zu machen - zu singen, zu spielen, zu schreiben. Dadurch wird aber auch das trügerische Gefühl angeregt, dass du dann sehr viel Geld verdienen kannst. Das ist allerdings ein sehr zweischneidiges Schwert. Sollte dem Starmania Winner aber wirklich eine lange Karriere bevorstehen, dann kann er natürlich reich werden. Davon träumt jeder, aber in der Praxis ist das irrsinnig schwer. Denn Talent ist dann nur mehr ein kleines Steinchen im Getriebe. Da gehört viel, viel mehr dazu: Intelligenz, Fingerspitzengespür, Glück, etc.
 
Österreichische Künstler werden seit vielen Jahren vom ORF ignoriert – der Österreichanteil im ORF Radio liegt unter 3% – die Musikerszene kränkelt mehr und mehr. Aus Schweden, einem vergleichbaren europäischen Land kommen jedes Jahr verlässlich internationale Top Ten Hits. Wie siehst Du das?
Es sind sehr schwere Fehler gemacht worden, keine Frage. Da wird sich auch jeder Verantwortliche auf den anderen ausreden. Unter dem Strich bleibt die Situation wie sie ist. Passiert ist das deshalb, weil alle nur dem schnellen Dollar nachlaufen. Keiner sieht, dass es in drei Jahren nicht mehr ein Dollar ist, sondern 20 Dollar sein können, wenn man es gescheit macht. Und das haben die verantwortlichen Herren im ORF richtig verschissen. Wir sind in einer Situation, die man nicht von heute auf morgen ausbessern kann. Daran wird man lange arbeiten müssen. Ich bin gnadenlos für eine Quote, genauso wie es die Schweden oder Franzosen eingeführt haben. In Deutschland kämpfen sie bereits darum. Wenn die Deutschen die Quote haben, dann kommt sie auch in Österreich. In einer Besprechung im ORF sagte Bogdan Roscic, damals noch als Ö3-Chef: „Die österreichische Musikszene bringt nicht genug gute Sachen hervor. Deswegen können wir es nicht spielen.“ Ich darauf: „Du hast Recht. So ist es. Ich glaube auch, dass die chinesische Musik so viel besser ist, als die amerikanische. Weil in China spielen im Radio 98 % Chinesen und nur 2 % Amerikaner.“ Daraufhin war es still im Saal.
Natürlich ist das völliger Schwachsinn! Nach diesen großen Fehlern hoffe ich nun auf Besserung. Bogdan Roscic ist nun auf der anderen Seite. Als Chef von Universal in Österreich sieht er, dass er seine Künstler beim ORF nicht durchbekommt. Jetzt muss er mit ganz anderen Mitteln arbeiten. Dabei schätze ich ihn sehr. Er ist sehr intelligent. Leider konnte er damals nicht anders, weil ihm seine Chefs gesagt hatten, was zu tun war.  
 
Wie siehst Du generell die Entwicklung der Musikbranche?
Das Problem sind die großen Plattenfirmen. In USA beispielsweise bekommen 85 % der gesignten Artists kein zweites Album. Wenn sich eine von 20 Platten verkauft, dann genügt das der Plattenfirma. Sie lebt damit sehr gut. In den Künstlerverträgen der Plattenfirmen stehen Sachen, da rollst du mit den Augen. Das ist teilweise hart am Kidnapping. Das wollen die Plattenfirmen zwar nicht hören, aber so ist es. Das Committee of Artists hat die Plattenindustrie beim amerikanischen Kongress geklagt, weil manche Künstlerverträge wie Sklavendeals sind und damit gegen den amerikanischen Freiheitsgrundsatz verstoßen.
Wenn Du heute in einem Plattenvertrag 15 % vereinbart hast, dann bleibt dir in Wahrheit, nach allen Abzügen durch die Plattenfirma, nur noch die Hälfte. Was glaubst Du, dass nach der Versteuerung übrigbleibt?
Es ist eine Augenauswischerei. Was verkaufen die eigentlich? Eine Platte von Madonna? Oder ein Platte von Warner Brothers, weil Warner Brothers so großartig ist? Natürlich verkaufen sie die Platte von Madonna, denn ohne Madonna gibt es diese Platte nicht!
Die Geschossenen sind immer die Künstler – jene um die es eigentlich geht. Die Plattenfirmen müssen alle den Bach runter, bis zur völligen Vernichtung!

Ist da nicht auch das Internet mit Schuld?
Ja, natürlich. Aber auch hier sind die Plattenfirmen die Ursache der Misere. Als ich nach Amerika gekommen bin, hat eine LP 4,99 und ein Single 1,70 Dollar gekostet. Heute kostet eine CD 17,99 Dollar. Und du hast nur eine gute Nummer drauf. Keiner ist interessiert, ein gutes, ganzes Album zu machen. Die Plattenfirmen sind an einer Single interessiert, und die soll das Album verkaufen. Und die Käufer sagen nun mit Recht: „Warum soll ich mir ein ganzes Album kaufen, wenn eigentlich nur eine gute Nummer auf der CD ist? Die eine Nummer kann ich mir auch runterladen.“ Und genau das machen sie dann auch. Wenn es wirklich gute Platten gibt, dann kaufen sie die CD und laden die eine Nummer eben nicht einfach herunter. Dann sagen sie sich: „Ich mag den Künstler, ich mag den Sound, die Songs. Das Booklet ist cool, die Infos, die Songtexte.“ Obwohl ich sagen muss, dass die LPs früher im Vergleich zu den heutigen CDs teilweise echte Kunstwerke waren. Da wurde einfach mehr investiert. Die Plattenfirmen sind nicht mehr interessiert, Künstler aufzubauen, weil sie das zu viel Geld kostet. Das wichtigste für die Plattenfirmen ist nicht mehr, dass sie stolz sind auf das was sie machen, sondern dass sie schnell reich werden.

Warum geben Plattenfirmen einem Künstler nach seinem Erstlingswerk selten ein zweites Album?
Wenn das erste Album erfolgreich ist, dann geht der Anwalt des Künstlers zu der Plattenfirma und stellt klar, welche Punkte die Plattenfirma im Vertrag gebrochen hat. „Wollt Ihr ein zweites Album mit dem Künstler? Dann müssen wir einen ordentlichen Vertrag machen. Aus dem alten bekomme ich ihn heraus.“ Die Plattenfirma sagt: „O.k., wir machen einen neuen Vertrag.“ Dann bekommt der Künstler einen anderen Vertrag, nämlich den ersten richtigen. Plötzlich hat die Plattenfirma nicht mehr so viel Interesse zu promoten, weil sie dabei weniger verdient. Und genau deshalb kommt es zu wenigen zweiten Alben.
Ein Beispiel aus der Praxis: Ein junger Künstler wird gesigned. Wenn er bei einem kleinen Label ist, verkauft dieses an ein größeres Label. Dafür muss das kleine Label dem großen fett abgeben. Damit schrumpfen die Anteile für den Künstler auf ein Minimum. Davon kann er nicht leben. So ist es z.B. Andrea Bocelli ergangen. Er war bei einem kleinen Label in Italien. Keiner wollte seine neue Platte haben. Erst Polydor Holland hat sie genommen. Die haben sie weitergegeben an Polydor Deutschland, die den Song bei einem großen Boxkampf platzieren konnten. Einer der beiden Boxer ist nach dem Kampf zurückgetreten, und „Time To Say Good Bye“ wurde live zugespielt. Daraufhin wurde 500.000 CDs verkauft. Plötzlich war Andrea Bocelli ein Riesen-Hit. Nach der internen Abrechnung der Plattenfirmen kam bei dem kleinen italienischen Label kaum mehr Geld für Bocelli an. Der hat aber noch drei Manager, die Geld wollen. Da sagte er zu seiner Plattenfirma: „Ich arbeite jetzt seit zwei Jahren nonstop, habe 13 Mio. Alben verkauft und 300.000 Euro auf der Bank. Das hat keinen Sinn. I don’t want to do another record. Fuck you guys.” So ist die Plattenindustrie - das ist die Wahrheit. Der, um den es eigentlich geht, bleibt über. (Anm.: bitterer Tonfall)
Das wissen die wenigsten. Ein junger Künstler, der gerade anfängt, hat keine Ahnung von alldem und weiß nicht, worauf er aufpassen muss. Und welcher junge Künstler geht mit seinem Vertrag zu einem Anwalt und lässt den überprüfen?

Was rätst Du jungen Künstlern?
Er oder Sie soll sich als erstes einen Entertainment-Anwalt nehmen und sich von dem vertreten lassen.

Wie läuft das, wenn der Sieger feststeht?
Der Sieger/die Siegerin kommt zu uns nach Malibu, und wir werden zusammen arbeiten, bis wir es haben. Ich denke, dass die CD einen Monat später in den CD-Läden ist. Das liegt dann an Universal in Absprache mit dem ORF.
 
Wer wird Deiner Meinung nach gewinnen?
Der/die, den das Publikum wählt. Ich könnte mir vorstellen, dass die Österreicher einen Bub oder ein Mädel wählen, der oder die eher „normal“ ist, gestanden, ein/e gerade Sänger/in ist. Wo nicht etwas vorgeben wird, was eigentlich nicht da ist. Denn dann könnte diese Karriere länger andauern. Es würde mir nichts mehr Spaß machen, als an einem österreichischen Star beteiligt zu sein, den es in fünf Jahren noch gibt.

Vielen Dank fürs Gespräch!

Peter Wolf empfiehlt jungen Künstlern
„Ein berühmter amerikanischer Manager hat mir im Vertrauen – er dachte, als Produzent wäre ich auf seiner Seite - folgendes gesagt: „Mir ist mein Relationship zur Plattenfirma wichtiger zu meinem Künstler. Wenn der Künstler den Bach runter geht, hab ich den nächsten..“ Also, wenn du ein junger Künstler bist: Wisse das! Und vertraue nicht!“

Peter Wolf über die Plattenfirmen
„Die Plattenindustrie ist dermaßen schlimm, die werden alle den Bach runtergehen. Überall werden die Bosse gekündigt, weil keine Umsätze gemacht werden. Vor kurzem war der Sony Chef dran. Jeder will sich nur seine Taschen voll stopfen, macht aber eigentlich nichts dafür. “