Behzod Abduraimov – gefeierter Jungstar

Mittwoch, 19 Februar 2014

Behzod Abduraimov – gefeierter Jungstar

Bild: Ealovega and Decca

„Arbeite hart, studiere intensiv. Verliere dabei nie die Liebe und Passion für die Musik. Und vergiss nicht, warum das machst. Geld sollte es nicht sein.“

Der junge Usbeke feierte 2012 in Waidhofen sein Österreich-Debüt. Mit achtzehn Jahren gewann er die berühmte „International London Piano Competition“, in seinen Konzerten wird er mit „standing ovations“ gefeiert, die Kritiker prophezeien ihm eine Weltkarriere. Das Plattenlabel Decca erkannte sofort sein Ausnahmetalent und nahm ihn exklusiv unter Vertrag.

Das Programm für sein Konzert im Kristallsaal in Waidhofen war voller Leidenschaft und technischer Finessen: Beethovens As-Dur Sonate op. 26, Chopins Phantasie in f-moll op. 49, Saint-Saens „Danse Macabre“ op.40 in der Bearbeitung Liszts sowie Ravels fingerbrecherisches Opus “Gaspard de la Nuit”. Hier Franz Liszt - Scherzo und Marsch S. 177

 

Wir trafen Behzod Abduraimov am Morgen nach dem Konzert im Schlosshotel Waidhofen, wo wir bei einem gemütlichen Frühstück über Klaviere und seine außergewöhnliche Karriere sprachen. Lesen Sie hier das Interview:

Bruno Weinberger: Gratulation zum gestrigen Konzert im Kristallsaal. Standing Ovations, wie beim London Piano Competition, den Sie gewonnen haben. Ist das immer so bei Ihren Konzerten?

Behzod Abduraimov: Meistens schon, und das macht mich sehr glücklich. Das Publikum reagiert unterschiedlich in den verschiedenen Ländern. Manchmal enthusiastisch, anderswo wieder ruhiger und sehr aufmerksam. Aber Standing Ovations finde ich immer gut.

Bruno Weinberger: Zurück zum Beginn Ihrer Karriere: Wie kommt man als 5-jähriger in Usbekistan auf den Traumberuf Pianist?

Behzod Abduraimov: Mein Traum war es, Pilot zu werden (lacht). Meine Mutter ist Klavierlehrerin und hat mir die Grundlagen des Klavierspielens beigebracht. Es war IHR Traum, dass ich Klavierspielen lerne. Sie wollte, dass eines ihrer Kinder Konzertpianist wird. Ich bin das jüngste Kind in der Familie und war damit ihre letzte Chance (lacht). Sie hat mich aber nicht bedrängt, sondern gefördert. Dabei war sie aber sehr konsequent. Sie hat mich zu meiner Lehrerin Tamara Popovic in Tatschkent gebracht. Mit acht habe ich zwar schon meine ersten Konzerte gespielt, aber erst mit etwa 12 Jahren mich dazu entschlossen, Konzertpianist zu werden. Und da hatte ich auch noch gar keine Vorstellung, was das wirklich bedeutet. Ich habe große Freude mit dem Klavierspielen, besonders mit Orchester.

Bruno Weinberger: Wenn man Ihnen bei der Arbeit zusieht, besonders bei virtuosen Stücken, könnte man meinen, dass diese technischen Herausforderungen Ihnen überhaupt nichts abverlangen. Wie haben Sie diese Fähigkeit erlernt?

Behzod Abduraimov: Ich denke, die Technik sollte zum Schluss kommen. Zunächst geht es um das Verstehen des Stücks, und was der Komponist ausdrücken wollte. Da gibt es viele Hintergründe und Details. Erst dann kommen die Technik und das Üben. Sicher, eine gute Technik hilft, das alles auszudrücken, worum es in dem Werk geht. Und die Technik kommt mit dem Üben. So einfach ist das. Wichtig ist, eine gute Basis zu haben. Und ich hatte großes Glück mit meiner Lehrerin, die eine berühmte Kinder-Klavierpädagogin ist. Mit 15 konnte ich alles spielen, jede technische Herausforderung.

Bruno Weinberger: Wie viel haben Sie dazu üben müssen?

Behzod Abduraimov: Das war gar nicht so leicht, denn ich war ein wirklich fauler Klavierschüler. Von sechs bis zwölf war ich bei Tamara Popovic, und die war extrem streng. Sie hat sogar verlangt, dass meine Mutter schriftlich meine Übezeiten bestätigt. Ich konnte dem nur entkommen, indem ich die Unterschrift meiner Mutter fälschte. Und ich gestehe, ich habe das über viele, viele Jahre gemacht. Aber ich war drei bis viermal pro Woche bei ihr, und zu Hause habe ich noch mit meiner Mutter gearbeitet. Dann wurde die Schule immer intensiver. Mehr lernen, mehr Aufgaben, das ging einfach nicht, nur Klavierüben. In der Zeit habe ich dafür viel über das generelle Verstehen von Musik gelernt. Mit 12 – 13 wurde es wieder einfacher für mich. Ich lernte die Werke leicht und schnell und spielte viele Konzerte in Usbekistan. Alles ging so leicht, ich war ja noch ein Kind. Erst als ich nach Amerika gegangen bin, hat die ernsthafte Arbeit begonnen.

Bruno Weinberger: Wie sind Sie dann nach Kansas City gekommen?

Behzod Abduraimov: Durch meinen Professor Stanislav Loudenitch. Das Wichtigste für einen jungen Musiker ist, den richtigen Mentor zu finden. Es geht dabei um mehr als eine simple Schüler-Lehrer Beziehung. Um Großes erreichen zu können, muss man zusammenarbeiten, das geht nicht alleine.

Bruno Weinberger: Sie haben sich also als 16-jähriger einfach ein Ticket nach Kansas City gekauft und sind in den Flieger gestiegen?

Behzod Abduraimov: Ja, denn erst mit 16 bekommt man in Usbekistan einen Pass. Ich kannte Stanislav Loudenitch nicht persönlich. Um die lange Geschichte kurz zu machen: Er lud mich 2006 zu einer Piano-Akademie nach Como/Italien ein. Bei diesem Kurs haben wir uns zur Zusammenarbeit entschlossen und dass ich in seine Klasse kommen werde. Sechs Monate später hatte ich meinen Pass und bin nach Kansas City geflogen.

Bruno Weinberger: Erzählen Sie, wie war das? Als Teenager in einem fremden Land, eigentlich ganz auf sich alleine gestellt?

Behzod Abduraimov: Naja, mein Leben hat damit erst richtig begonnen. Ich musste Englisch lernen, arbeiten, mir Ziele setzen und versuchen, sie zu erreichen. Sicher, mit 16 war ich noch sehr jung, aber ich war soweit. Es hat alles sehr gut funktioniert.

Bruno Weinberger: Sie sind schon zwei Jahre später als völlig unbekannter junger Pianist zum internationalen „London Piano Competition“ gefahren und haben mit dem 3. Klavierkonzert von Prokofjew gewonnen.

Behzod Abduraimov: Wir haben diesen Wettbewerb deshalb ausgewählt, weil in der Ausschreibung ein sehr großes Repertoire gefordert wird. Und das habe ich. Mit 18 Jahren war ich der Jüngste im Bewerb. Ich bin da hin gegangen und wollte diese große Bühne ausprobieren und sehen, wie es läuft. Man muss für das Finale, wenn man es erreicht, vier Klavierkonzerte vorschlagen, und die Jury sucht eines aus. Ich hatte drei davon schon mit Orchester gespielt, nur das 3. Prokofjew noch nicht – und genau das haben sie ausgesucht. Es war also beim Wettbewerb eine Premiere für mich. Das war schon eine großartige Erfahrung.

Bruno Weinberger: Was empfehlen Sie einem jungen talentierten Klavierspieler, wenn er Pianist werden möchte?

Behzod Abduraimov: Was soll ich sagen? Arbeite hart, studiere intensiv. Verliere dabei nie die Liebe und Passion für die Musik. Und vergiss nicht, warum das machst. Geld sollte es nicht sein.

Bruno Weinberger: Warum glauben sie, dass die Popularmusik so viel mehr Fans hat als die klassische Musik?

Behzod Abduraimov: Wie der Name schon sagt – es ist Popular-Musik. Klassische Musik wird in dem Sinne nie den Level von Popmusik erreichen. ABER: Klassische Musik ist tiefgründiger und ernsthafter. Ich will nicht werten, dass das eine besser ist als das andere. Popmusik ist einfacher zu konsumieren, will unterhalten, und klassische Musik ist intelligente Musik. Man muss mehr wissen, um sich an ihr erfreuen zu können. Beides hat seine Berechtigung.

Bruno Weinberger: Viele Kinder lernen heute Klavier auf E-Pianos. Wie stehen sie dazu?

Behzod Abduraimov: Ich habe noch nie auf einem E-Piano geübt. Mein erstes Klavier habe ich um 100 Dollar gekauft, und das steht noch immer in meiner Wohnung in Usbekistan. Ein gebrauchtes Rönisch Piano.

Bruno Weinberger: Was machen sie, wenn sie nicht mit Klavier spielen?

Behzod Abduraimov: Ich studiere an der Park University in Kansas City. Auch Fächer, die nichts mit Musik zu tun haben. Natürlich treffe ich auch Freunde, aber durch meine Konzerte bleibt sonst nicht viel Zeit übrig…

Bruno Weinberger: Wie würden sie ihren Klang beschreiben – was macht sie besonders?

Behzod Abduraimov: Hmmm. Ich, für mich, habe nur meine Fähigkeiten. Und die Aufgabe, die Absichten des Komponisten zu den Menschen zu bringen – ich bin quasi eine Brücke vom Komponisten zum Publikum. Natürlich verwende ich dazu meine Interpretation, meine Gefühle, meine Emotionen. Ich halte nichts auf Reserve und gebe in jedem Konzert alles was ich kann und habe. Es ist für mich ein großes Glück, dass das so gut ankommt beim Publikum.

Bruno Weinberger: Was sind Ihre nächsten Projekte?

Behzod Abduraimov: Einige Debuts stehen am Programm. Zum Beispiel mit dem Boston Symphony Orchester unter Lorin Maazel, in USA und China, Konzerte mit Vladimir Vladimir Ashkenazy, und eine Menge Solo Konzerte in Europa, Japan und Australien. Und hoffentlich bald wieder in Österreich.

Bruno Weinberger: Danke fürs Gespräch!

Behzod Abduraimov & Bruno Weinberger

Vita: 
Behzod Abduraimov, geb. 1990 in Taschkent, ist ein usbekischer Pianist. Er begann im Alter von fünf Jahren Klavier zu spielen. Als achtjähiger debütierte er mit dem Staatlichen Sinfonieorchester Usbekistan. Konzerte in den USA, Italien und Russland folgten. Er spielte wiederholt bei der Spiwakow-Stiftung und bei der „Internationalen Sommerakademie“ in Como (Italien). 2008 gewann er die „Lennox Young Artist Competition“ und die „Corpus Christi Competition“. 2009 gewann er als 18-Jähriger mit seiner Interpretation von Prokofjews Klavierkonzert Nr. 3 überraschend die „London International Piano Competition“. Im Oktober 2010 wurde er Sieger des Kissinger Klavierolymp.
Behzod Abduraimov hat einen der begehrten exklusiven Künstler-Verträge bei Decca. In Frühjahr 2014 Abduraimov debütiert mit dem Boston Symphony Orchestra unter Lorin Maazel, eine Tour nach China wird folgen. Er hat vor kurzem mit dem Indianapolis und Atlanta Symphony Orchestra und NAC Orchestra Ottawa gearbeitet und konzertierte beim Ravinia Festival.
In Europa ist Behzod Abduraimov derzeit Artist in Residence beim Niederländischen Philharmonic Orchestra und wird mit den Orchestern Czechische Philharmonie, London Philharmonic Orchestra und der Real Philharmonia de Galicia unter Paul Daniel spielen. Nach seinem triumphalen Debüt in der Wigmore Hall in London ist Abduraimov für regelmäßige Auftritte gebucht, und in den kommenden Saisons wird er die Saison der Mailänder Società dei Concerti eröffnen und sein Debüt im Louvre, Paris, geben. Auch in Japan debütiert er heuer mit dem NHK Symphony Orchestra.