"Mister Bösendorfer", Brian Kemble im Interview

Samstag, 25 Februar 2012

Brian Kemble: "1986 erhielt ich die Medaillie “Freeman of City of London and Liveryman of Worshipful Company of Musicians” von der Queen. Ich habe damit das Recht erworben, ein Schwert zu tragen und eine Herde von Schafen über die Tower Bridge zu treiben."

So stellt man sich einen englischen Sir vor: Vornehme britische Zurückhaltung schon in der Körpersprache, ein nobles Lächeln um die schmalen Lippen und wenn man ihn sprechen hört – feinstes Oxford English. Very distinguished british.

Brian Kemble ist, wenn man so sagen darf, ein „Urgestein der Europäischen Klavierindustrie“. Er ist gelernter Klavierbauer und studierte Betriebswirtschaft in Oxford. Aufgrund seiner Leistungen erhielt er mehrere Auszeichnungen von der englischen Königin und ist nun seit eineinhalb Jahren bei Bösendorfer und seit einem Jahr Geschäftsführer.

Jedes Wochenende fliegt er nach Hause nach England. Kein ruhiges Leben für einen 60-jähringen - das hätte er sich sicher ruhiger einteilen können. Seine besten Ideen hat er trotzdem noch immer zwischen Mitternacht und drei Uhr morgens. Was treibt diesen aus einer Klavierbaudynastie stammenden Klavierenthusiasten an? Was ist er für einer?

Eines können wir vorweg nehmen: Kemble ist bei aller britischen Zurückhaltung ein energiesprühender Workaholic und wir sind ein bisschen stolz, dass er sich die Zeit genommen hat und uns das erste große Interview in seiner Eigenschaft als Bösendorfer Chef gab:

Bruno Weinberger: Sie feiern in Kürze Ihren ersten Geburtstag bei Bösendorfer - seit 1. März 2011 führen Sie die Geschäfte. Wie geht es Ihnen nach dem ersten Jahr hier in Wien?

Brian Kemble: Ich fühle mich hier mittlerweile sehr wohl und gefestigt. Was meine persönlichen Ziele bei Bösendorfer anlangt freue mich sehr, dass wir auf einem guten Weg sind. Ich habe eine fantastische Zeit hier. Mein erstes Schlüssel-Ziel war es, ein großartiges und motiviertes Team aufzubauen. Denn Bösendorfer ist ein sehr persönliches, handgemachtes Instrument. Und um das bestmögliche Produkt zu bekommen, braucht man jeden, der im Prozess involviert ist, als hochmotivierten Mitarbeiter. Wie Sie wissen, hatte Bösendorfer einige schwierige Jahre hinter sich. Aber jeder von uns wünscht sich und braucht Erfolg. Und wenn man Erfolg hat, baut sich dieser von selber weiter auf. Es hilft mir, dass ich etwas Deutsch spreche und es hilft mir sehr, dass ich viele Jahre Produktionserfahrung mitbringe. Es ist in meinem Blut – ich liebe die Klavierproduktion. Und es ist eine Freude, hier in Österreich zu arbeiten. Mein Heimatland England ist kein typisches Land für Produktionen, es steht eher für das Finanzbusiness. Die Fabrikation an sich wird in GB als eher nicht als so wichtig angesehen. Meine Ansicht nach ist das Produzieren an sich ist eine sehr vitale Angelegenheit. Und die große Handwerkskunst hier in Österreich macht mir große Freude.
In diesem Umfeld hier liegt das Ziel, das bestmögliche Piano zu bauen, sehr nahe. Und die Klaviere zu bauen, die der Markt will. Mein erstes Projekt war das Sondermodell, der „Liszt-Flügel“. Dieses Jubiläums Modell war das erfolgreichste Limited Edition Modell in der Geschichte von Bösendorfer. Wir waren in wenigen Monaten bis auf einen Flügel ausverkauft. Ich denke, eine meiner Stärken ist, dass ich ein gutes Gefühl dafür habe, was der Markt sich wünscht.

BW: Sie sagten eingangs, dass Sie ein motiviertes Team aufbauen wollen. Gab es das vor Ihrer Zeit nicht?

BK: Innerhalb der Firma Bösendorfer gab es aus der Tradition heraus verschiedene Gruppen: Die Produktion, die Verkaufsmannschaft, und die Techniker. Dabei war das Verkaufsteam nicht in der Fabrik untergebracht, sondern in Wien, in der alten Fabrik. Alle Teams haben für sich gute Arbeit geleistet, aber es gab meiner Ansicht nach zu wenig Kommunikation untereinander. Und das ist, was mir am meisten am Herzen liegt: Alle zusammen zu bringen. Alles funktioniert besser, wenn man die Informationen miteinander teilt. Eine der ersten Maßnahmen die ich einführte, war zum Beispiel, dass ich unseren täglichen Verkaufsbericht im Büro am „schwarzen Brett“ aufzuhängen. Jeder ist eingeladen sich anzusehen, wie wir unterwegs sind. Das wurde früher nicht wirklich kommuniziert.
Oder: Die Produktion stellt manche Dinge in einer Art her, die später von den Technikern umgestellt wurde. Ist es nicht viel einfacher, in der Produktion die Dinge so einzustellen, wie die Techniker sich das wünschen? Das geht nur mit besserer Kommunikation. Damit eliminiert man Verschwendungen, und verbessert das Produkt.
Wichtig ist auch das bessere Verstehen unserer Kosten. Zum Beispiel verkaufen wir sehr gerne die wunderschönen Sondermodelle. Diese Instrumente sind Teil des Erfolges von Bösendorfer und ein großes Erbe. Jedoch wurde dabei zu wenig auf den damit verbunden erhöhten Aufwand im Produktionsprozess dieser Einzelstücke geachtet. Dabei geht es nicht nur um die Kosten auf diesem einzelnen Sondermodell, sondern um den Gesamtaufwand der durch die Störung eines geordneten Produktionsprozesses entstehen.

BW: Nochmal zum Thema Teambildung. Wie machen Sie das?

BK: Es geht dabei darum, Menschen die Sicherheit und das Vertrauen zu geben, ihre Gedanken auszudrücken. Ich sage nicht, dass das in der Vergangenheit nicht gemacht wurde. Was ich aber sagen kann ist, dass Bösendorfer niemals zuvor einen Managingdirector wie mich hatte (lacht). Spaß beiseite: Ich kenne die Antworten nicht, aber ich weiß, welche Fragen ich stellen muss. Ich hinterfrage alles. Ich ermutige meine Leute, mir ihre Meinungen zu sagen und dann entscheiden wir, was das der beste Weg vorwärts ist. Ich sage allen: „Ich bin nicht Napoleon.“ Es gibt nicht nur einen Weg. Die besten Ideen kommen vom Team, von den Leuten, die ihren Job machen. Wir vollziehen hier einen Wechsel in der Kultur. Das ist mir besonders wichtig und summiert meine Hauptmission: Eine moderne dymamische, kreative Unternehmenskultur bei Bösendorfer einzuführen.

BW: Was heißt das konkret?

BK: Das heißt: Warum machen wir das? Warum machen wir das so? Gibt es einen besseren Weg, das zu machen? Großer Respekt vor unserer großen Tradition. Um es mit Worten des Philosophen Albertus Magnus zu sagen- wir sind Zwerge, die auf den Schultern von Riesen sitzen. Die Riesensind in unserem Fall Ignaz und Ludwig Bösendorfer. Wir können auf ihrem Know-how aufbauen und haben den Vorteil der modernen Technik. Das gibt uns eine Präzision, die damals nicht verfügbar war. Ich will nie aufhören zu versuchen, kontinuierlich zu verbessern, was wir tun. "Qualität ist eine Reise nicht ein Ziel.“ Also, warum hat Bösendorfer seit 1828 überlebt? Wegen des Produktes. Darum habe ich einen riesen Respekt vor diesen Klavieren. Ich ermutige unserer Leute, Dinge, Prozesse zu hinterfragen. Dabei geht es überhaupt nicht darum, die Instrumente schneller herzustellen, weil die Qualität das allerwichtigste ist. Sondern es geht darum, Verschwendungen und Überflüssiges zu eliminieren. Das kann zum Beispiel ein Teil sein, der nicht optimal passt. Wir haben bei Bösendorfer eine riesige Menge an Fähigkeiten. Und wir müssen unsere Fähigkeiten einsetzten, um immer bessere Lösungen zu finden. Und es geht darum, Aufwand zu vermeiden, der keinen Wertzuwachs bringt. Also: Steigert eine Maßnahme den Wert des Produktes? Oder nicht? Das schauen wir uns ganz genau an.

BW: Nochmal ein Blick zurück: Sie stammen aus einer großen europäischen Klavierdynastie. Das wissen in Österreich nicht alle…

BK: Mein Großvater gründete Kemble Pianos 1911 in England. Ich habe Betriebswirtschaft in Oxford studiert, war sechs Monate bei Schiedmayr in Deutschland um Deutsch zu lernen und als Klavierbauer dazuzulernen und bin schließlich in unsere Firma eingestiegen. Seit 1986 hatte Kemble ein Joint Venture mit Yamaha. Ich war bis 2009 Managing Director in unserem Familienunternehmen. Ich war angreifbar, hatte immer eine offene Tür, wir hatten immer ein sehr vertrauensvolles Verhältnis im Betrieb und jeder sagte Brian zu mir. Wir waren eine Familie. Familie ist einfach wichtig. Das ist etwas was ich hier auch fühle. Kürzlich hatten wir ein gemeinsames Essen mit einigen Mitarbeitern, die schon über 35 Jahre bei Bösendorfer arbeiten. Ich gehe durch die Firma, bin immer ansprechbar, zeige mein Interesse.

BW: Was ist aus der Kemble Fabrik geworden?

BK: Das ist eine sehr, sehr traurige Geschichte. Sie reflektiert den globalen Markt, der sich von der Mitte wegbewegt hat. Für Erfolg muss man heute entweder im untersten Preissegment oder im höchsten Qualitätsbereich produzieren. Die Hersteller in Europa können wegen der Kostensituation nicht im Billigsegment anbieten. Bösendorfer passt hier sehr gut im High End Segment. Kemble war Teil der globalen Yamaha Produktions-Strategie und als man in den 90ern die Anzahl der Produktionsstätten einer kritischen Überprüfung unterzog, hatten wir die falsche Größe. Wir waren die kleinste Fabrik und erzeugten neben Kemble die europäischen Yamaha Pianos (Anm. d. Red.: die P-Serie). Kemble Pianos werden nun in einer der großen Yamaha Fabriken hergestellt. Yamaha war sehr gut und großzügig zu unseren Mitarbeitern. Trotzdem war es sehr traurig, denn wir hatten Leute, die 20, 30 Jahre bei uns beschäftigt waren und ich musste die Fabrik schließen. Es war eine sehr schwierige Zeit – auch für mich persönlich. Die Schließung war in ganz England Thema. Aber so ist das Leben. Am Ende habe ich mich von jedem einzelnen verabschiedet und bin drei Monate mit meiner Frau um die Welt gereist um abzuschalten. Dabei habe ich das erste Mal nach 30 Jahren nicht jede Nacht von Klavieren geträumt. Ich kann ganz schlecht abschalten. Besonders als Produzent macht man es nie richtig: Entweder du verkauft so viel, dass du nicht genug liefern kannst, oder du verkaufst nicht genug und musst viel telefonieren. Ich arbeite zwar operativ nicht in der Produktion der Kemble Pianos, aber wir bieten sie im Bösendorfer Stadtsalon an. Ich bin immer ganz stolz wenn ich meinen Freunden sagen kann, dass Kemble Pianos bei Bösendorfer in Wien verkauft werden.

BW: Sie wurden mehrmals von der Queen ausgezeichnet?

BK: 1986 erhielt ich die Medaillie “Freeman of City of London and Liveryman of Worshipful Company of Musicians” von der Queen. Ich habe damit das Recht erworben, ein Schwert zu tragen und eine Herde von Schafen über die Tower Bridge zu treiben (lacht). 1992 wurde mir der Orden “Queen`s award for exports” verliehen, weil wir den Export von Kemble Pianos innerhalb von drei 3 Jahren verdoppelt hatten. Und 1994 erhielt ich noch einmal eine Auszeichnung von unserer Königin: Eine Medaille „For Service to the Piano Industry“. Ich wurde damit zum MBE - „Member of the Order of the British Empire“ – eine Auszeichnung, die außer mir auch den Beatles zuteilwurde.

BW: Als Brite einen österreichischen Betrieb zu leiten ist sicher keine einfache Übung. Warum glauben Sie, hat Yamaha gerade Sie, in diese Position berufen – Stichwort Sprachbarriere?

BK: Yamaha fragte mich, ob ich also Consulter für sie arbeiten wollte und ich sagte warum nicht? Die nächsten sechs Monate besuchte ich über 130 Klavierhäuser in ganz Europa. Es war unglaublich – es war kaum jemand dabei, den ich nicht bereits kannte! Ich denke, dass ich mehr Leute im Klaviergeschäft in Europa kenne als jeder andere. Dann fragte mich Yamaha, ob ich zu Bösendorfer gehen möchte. Das war eine riesen Sache für mich, weil das ist mein zweiter Job in meinem Leben. Aber - meine Familie lebt in England. Ich kann sie alle nur an den Wochenenden sehen. Eine dramatische Wendung in meinem Leben, aber auch eine neue Chance! Bei Kemble war ich, weil ich Brian Kemble bin. Aber hier wurde mir ich einen Job angeboten, der mit meiner Familie nichts zu tun hat. Und so kam ich zu Bösendorfer und die Leute waren unglaublich freundlich. Aber letztlich werde ich an den Ergebnissen gemessen, man erwartet von mir Aufschwung und Verbesserungen. Und was die Sprache betrifft: Ich habe mehr Probleme mit Amerikanern als mit Österreichern. Die Abteilungsleiter bei Bösendorfer sprechen alle gutes bis exzellentes English. Trotzdem bringe alles zu Papier, um Missverständnisse auszuschließen.

BW: Die Idee des Sondermodells „Gustav Klimt“ mit dem berühmten „Kuss“ am Deckel stammt von Ihnen?

BK: Ja. Eine der Stärken von Bösendorfer ist die Handarbeit. Sehen sie sich z.B. die Goldeinlegearbeiten diverser Sondermodelle an, die leider hauptsächlich in die Märkte außerhalb von Europa gehen. Die „Artist-Serie“ war eine „Mitternachtsidee“. Wenn man nach Wien fährt, sieht man schon Klimt. Ich habe mit Spezialisten gesprochen und die haben gesagt, das wir das machen können. Wir haben also mit einer speziellen Reprotechnik das berühmte Bild „Der Kuss“ von Gustav Klimt auf den Deckel aufgebracht. Um noch mehr Dreidimensionalität in das Gemälde zu bringen, haben wir echtes Blattgold partiell mit aufgebracht. Das Ergebnis ist einzigartig.

BW: Bösendorfer hat aber auch eine neuen Mignon Flügel mit 155 cm auf der Namm Show im Jänner vorgestellt und kommt auf der Frankfurter Musikmesse mit einem neuen Klavier mit 120 cm Bauhöhe?

BK: Der neue 155er Mignon ist eine sehr wichtige Größe. Amerika ist sicher ein weites Land mit viel Platz. Aber die Wohnungen in Manhatten sind nicht groß und in solch Metropolen passt der kleine Flügel ideal. Er nimmt kaum mehr Platz ein als unser 130er Klavier. Was das neue Modell 120 anlangt, das ist einfach die wichtigste Größe im Klavierbau. Bösendorfer war in der Vergangenheit nicht fokussiert auf die Produktion von Pianinos sondern immer auf Flügel. Aber mit einem kleineren Klavier und Perfektionierung des Produktionsprozesses können wir rentable auch eine größere Anzahl Pianinos zu günstigeren Preisen herstellen.

BW: Was fasziniert Sie an Ihrem Job?

BK: Nach unten in den Salon zu gehen und auf einem Bösendorfer spielen und diesen wunderbaren Klang zu hören… Mein Gott – ich arbeite für eine Firma, die Instrumente herstellt, die so klingen – es ist ein Traum.

BW: Was ist Ihre Vision für Bösendorfer?

BK: Bösendorfer muss das Selbstvertrauen haben Bösendorfer zu bleiben. Wir haben unseren einzigartigen Klang und unser Image. Das müssen wir sichern und ausbauen.

BW: Was sind Ihre wichtigsten drei Ziele?

BK: 1. Bösendorfer wieder zu einem profitablen Unternehmen machen. 2. Die Produktion und den Verkauf steigern. 3. Sichern, dass Bösendorfer ein erfolgreiches Unternehmen ist, das ich in ein paar Jahren an die nächste Generation weitergeben kann.

BW: Danke für´s Gespräch!

FACTS:
Name: Brian Kemble MBE MA
Familie: verheiratet, 7 Kinder
Geb. Datum: 14.3.1952

Liebstes Urlaubsziel: Indien
Lieblingsessen: Japanisch & Steaks
Lieblingsmusik: Chopin, Leonhard Cohen
Fitnessrezept: no sports
Hobbis: Reisen, Lesen

Lebensmotto: Jedermann mit Respekt behandeln und meine Familie stolz auf mich machen