Mozart, Gulda, Corea, eine Verkettung glücklicher Umstände

Montag, 29 Oktober 2001

Mozart, Gulda, Corea, eine Verkettung glücklicher Umstände

Chick Corea, der Tasten-Zauberer nach fünf Jahren wieder in Linz

Die Eindrücke des Konzerts von Chick Coreas vom 18. März 1996 im Linzer Brucknerhaus begannen schön langsam zu verblassen. Deshalb was es hoch an der Zeit, daß sich der Meister am 31. Oktober 2001 im Linzer Brucknerhaus seinen Fans wieder zeigte. Mit einem außergewöhnlichen Programm: 1. Teil des Konzerts: Jazz vom Feinsten mit dem Chick Corea „New Trio“ (Jeff Ballard - Schlagzeug, Avishai Cohen - Kontrabaß); 2. Teil: Das „Piano Concerto“ „im Geiste Mozarts“ von und mit Chick Corea und das Brucknerorchester.

Mit diesem Programm zeigte Corea, daß es ihm als einem der ganz Wenigen gelingt, in beiden Welten daheim zu sein. Was nur wenige vermögen, Jazz und Klassik gut zu spielen, beide Lager des Publikums zu erreichen, gelingt Corea. Und der Abschluß des Konzertes, bei dem er das ganze Publikum als Chor aquirierte, das Brucknerorchester im Ganzen und in Gruppen improvisieren (!) ließ, wird wohl den Status „legendär“ erhalten. Es war ein Fest der Musik – grenzüberschreitend und von höchster Qualität. Wenn Sie nicht dabei waren und Sie irgendwann Möglichkeit haben, ein Konzert des Meisters zu besuchen, dann gehen Sie hin! Bis dahin empfehlen wir ua. seine CD „Piano Concerto“ (bei Pirngruber, Linz S 199,-).
Eigentlich wollte er nach Auskunft seines Management´s kein Interview mehr geben, da er besonders am Anfang der Tour viele Presse-Gespräche geführt hatte. Daß wir dennoch eine persönliche „Audienz“ erhielten, verdanken wir seinem Europa-Manager Jürgen Nimbler und Günther Huemer vom Linzer Brucknerhaus – herzlichen Dank, meine Herren!

Chick Corea & Bruno Weinberger Wiener Konzerthaus 1.4.08

WB: Wie sind Sie zum Klavierspielen gekommen?
CC: Mein Vater war Musiker und hatte ein Jazz-Orchester. Ich interessierte mich für Klavier und meine Eltern kauften mir ein Pianino. Es war ein günstiges Klavier aus der Bekanntschaft um 350,-- Dollar. Wir lebten damals in einer kleinen Wohnung im 3. Stock und hievten das Klavier mit einem Kran durch das Fenster ins Wohnzimmer. Das Instrument war ein „Player Piano“ (Anm.: Ein selbst spielendes Rollen-Piano). Ich begann mit dem Klavierspielen ganz einfach nach Gehör unter Anleitung meines Vaters. Ich hatte keinen Druck. Wenn ich Baseball spielen wollte, dann spielte ich Baseball. Wenn ich Klavier spielen wollte, das spielte ich Klavier. Einige Jahre später bekam ich von meinen Eltern einen Steinway Baby Grand (Anm.: Stutzflügel). Meine Mutter kümmerte sich nicht nur um die Familie und den Haushalt. Sie ging auch noch in eine Süßigkeiten-Fabrik arbeiten um meinen ersten Flügel abbezahlen zu können.

WB: Sie haben einige Male mit Friedrich Gulda gespielt. Die Meinungen über seine Qualitäten als Jazz-Pianist gehen auseinander. Wie ist Ihre Meinung?
CC: Es ist nicht die Frage ob er ein guter Jazz-Pianist war oder nicht. Das Universum von Friedrich Gulda war so groß und vielfältig, das diese engen Kategorien nicht anzuwenden sind. Er war ein großartiger Musiker, der Musik auf seine Weise gemacht hat. Und keiner wußte, was er als nächstes anstellen würde. (Ha Ha...)

WB: Wie haben Sie Gulda kennengelernt?
CC: Beim Münchner Klavierfestival. Er wollte nicht mit mir proben, also haben wir uns auf der Bühne zum ersten Mal getroffen: Er auf seinem Flügel, ich gegenüber auf meinem. Wir begannen zu improvisieren. Ich hörte seinem Spiel ergriffen zu. Und da war eine einfache Melodie, die mich nicht mehr los ließ. Ich fragte ihn nach dem Konzert, was das war. Er antwortete: „Na Mozart – eh klar“. Ich hatte Mozart zuvor nie so gehört und fragte ihn, ob er mir mehr davon zeigen würde. Einige Monate später bekam ich Post von Ihm. Er schickte mir die Noten von Mozarts Klavier-Doppelkonzert mit den Zeilen: „Wenn Du mehr über Mozart wissen willst, mußt du Mozart spielen. Lerne Deinen Part, und wir spielen das Konzert zusammen.“

Wb: Sie verlangen bei Ihren Konzertreisen am Veranstaltungsort in Ihrem Hotel so wie Svjatoslav Richter ein Yamaha Clavinova für Ihre Hotelsuite. Wie können Sie als Pianist mit einem E-Piano arbeiten?
CC: Beim Üben kommt es mir nicht so sehr auf eine perfekte Mechanik an. Die Clavinovas sind auch nicht alle gleich. Die besseren haben jedoch einen sehr gut gesampleten Klang. Die Techniker von Yamaha haben hier Ggoßartiges geleistet. Und das Silent Piano, das ich hier im Hotel verwende, hat darüber hinaus auch eine echte Klaviermechanik. Da ich in der Nacht arbeite, benötige ich die Stummschaltung und Kopfhörer. Die „GranTouch“ Instrumente von Yamaha halte ich für diesen Bedarf für das Beste. Die Yamaha Leute haben die Performance der „GranTouch“ (Anm.: Echte Klaviermechanik, nur digitale Tonerzeugung) genau am Bedarf der Pianisten gemessen.

WB: Müssen Sie das nicht sagen weil Sie ein Yamaha Endorser sind?
CC: Ich habe keinen Vertag mit Yamaha. Aber ich arbeite seit 25 Jahren sehr gut und mit großer Freude mit den Leuten zusammen. Sie sind so nett und stellen mir überall auf der
Welt ihre Instrumente für Konzerte zur Verfügung, dafür machen sie mit meinem Namen ein bißchen Werbung.

Wb: Wie sehen Sie die Unterschiede zwischen den Konzertflügeln von Yamaha, Bösendorfer oder Steinway?
CC: Steinway ist ein großartiges Klavier. Speziell für die Musik von Mozart oder Scarlatti. Einen besonders „reichen Klang“ bieten für mich die Instrumente von Yamaha und Bösendorfer. Darauf lege ich größten Wert. Zu Hause habe ich einen wunderbaren Bösendorfer Imperial. Und bei Yamaha schätzte ich neben den klanglichen Aspekten die Schnelligkeit der Ansprache. Der Yamaha CFIII-S Flügel reagiert unmittelbar auf jede Nuance.

Wb: Was sagen Sie zum Terror in der Welt und seinen Auswirkungen?
CC: Wir haben zwei Möglichkeiten: Entweder wir werden depressiv und denken, daß alles schlechter wird und beginnen damit eine Kette von negativen Gedanken oder wir gestalten unsere Welt positiv. Die Zukunft liegt nicht in den Händen anderer sondern in Ihrem und meinem Kopf. Unsere Gedanken bestimmen unsere Zukunft. Ich bin ein Musiker und versuche mit meiner Musik den Menschen Freude zu bereiten.

Danke fürs Gespräch!
Bruno Weinberger

Fototext 1 zu C.C.: „Als die Electric Music in den frühen 70er Jahren aufkam, war sie für mich herausfordernd, ich konnte lustvoll vielerlei musikalische Möglichkeiten ausforschen. Heute ist der Sound der Electric Music für mich nicht mehr interessant. Überdies möchte ich bei meinen Perfomances mit dem Publikum in eine intime Kommunikation treten. Deshalb versuche ich auch, so wenig Verstärkung wie nur möglich zu verwenden.“ Chick Corea.

 

Chick Corea Biografie:
Er ist ein Beständiger der Veränderung, ein Kreativer mit wechselnden musikalischen Absichten, zudem preisgekrönt mit elf Grammy's bei 33 Nominierungen: Armando Anthony "Chick" Corea, begnadeter Pianist, hervorragender Komponist, ambitionierter Anführer bedeutsamer Bands unterschiedlicher Richtungen. Zudem gilt er als einer der profiliertesten Spieler in der Kunst des Duos und des Alleingangs. Als unbegleiteter Solist begeisterte er vor 30 Jahren erstmals in Linz.
"Kreativität beginnt mit der Freiheit des Denkens", sagt der 60-jahrige Künstler. Musik macht er seit vier Jahrzehnten so z.B. als Sideman bei Blue Mitchelll, Herbie Mann, Stan Getz, 1968 als Bandleader mit dem Debüt-Album: " Tones For Joan's Bones", von 1968 bis1970: Miles Davis-Band ("Bitches Brew") oder auch die Gründung der Improvisationsband "Circle" mit Anthony Braxton, Dave Holland, Barry Altschul (1968-1971).
1972 gründete Corea "Return To Forever" mit Flora Purim, Joe Farrell, Stanley Clarke, Airto Moreira und führte diese vielgepriesene Band mit wechselnden Besetzungen erfolgreich bis Ende der 70er Jahre. Auch die Musik von "Return To Forever" veränderte sich, von liebenswürdigen Melodien in sensiblen Spannungsverhältnissen zum elektrisch aufgedonnerten Jazz.
In der Folge gab es Coreas Rückkehr zum Flügel. Zu Solo- Künsten, zu Duo-Aktivitäten mit Gary Burton, Herbie Hancock, Friedrich Gulda. Und zum Trio-Spiel mit Miroslav Vitous und Roy Haynes. Und mit Gulda, Nikolaus Harnoncourt und Amsterdams Concertgebouw Orchestra nahm er Wolfgang Amadeus Mozarts "Konzert für zwei Klaviere und Orchester Nr. 10 in Es-Dur" auf.
Mit dem hervorragend besetzten Sextett "Origin" eröffnete Corea ein neues Kapitel seiner Karriere, "Originals" und "Standards" spielte er auf dem Piano im Alleingang, die "New Duets" mit Gary Burton ernteten einen Grammy. Und dem bestens gerüsteten "New Trio" gehört gewiss eine von Coreas "Zukünften".
All diese Projekte der letzten Jahre zeigen jedoch auch, dass Corea gegenwärtig kein Interesse am Gebrauch elektrischer oder elektronischer Instrumente hat.
Text: Brucknerhaus Linz

CD's / eine Auswahl
Miles Davis: The Complete Bitches Brew Sessions (1970; Columbia Legacy C4K 65570. 4 CDs im Luxus-Cover)
Chick Corea & Return to Forever: Light As A Feather (1972; Polydor 827148)
Chick Corea & Gary Burton: In Concert. Zürich (1979; ECM 1182/83.
2 CD's)
Corea, Gulda, Harnoncourt, Concertgebouw Orchestra: Mozart Double Concerto. Corea & Gulda Compositions 1984; Teldec 2292429882)
Chick Corea & Friends: Remember Bud Powell (1997; Stretch 9012-2)
Chick Corea & London Symphony Orchestra: Concerto (1999; Sony Classical ASK 61799)
The Chick Corea New Trio: past, Present & Futures (2001; Stretch 9035-2)