Valentina Lisitsa - Aufstieg zum Megastar der Klassikwelt

Sonntag, 09 Dezember 2012

Valentina Lisitsa: 50 Millionen Klicks auf Youtube

Eigentlich wollte die Ukrainerin Schachweltmeisterin werden. Sie hat es sich Gott sei Dank anders überlegt. Als Sie verstanden hatte, worum es im Musikgeschäft geht, ist sie in die USA ausgewandert. Letzten Monat hat sie sich in Paris eine zusätzliche Wohnung genommen, damit sie auf den Konzertreisen in Europa ein Zuhause hat. Sie ist ein glühender Fan der Bösendorfer Flügel und besitzt mehrere Instrumente der Wiener Klaviermanufaktur.
Mit aktuell 50 Millionen Klicks auf ihrem Youtube Kanal ist Valentina Lisitsa die meistgesehene Pianistin der Musikgeschichte. Alleine ihre Interpretation Beethovens »Mondscheinsonate« hatten Anfang November fast vier Millionen Besucher gesehen, Chopins Etude Op.10 No 4 fast zwei Millionen.

Sehen Sie hier Valentina Lisitsa bei der Arbeit:

Valentina Lisitsa, in einer unmusikalischen Familie in der Ukraine aufgewachsen, markiert damit einen Wendepunkt in der Geschichte der klassischen Musik. Mit den modernen Mitteln des Internets hat sie sich innerhalb weniger Jahre zum Superstar entwickelt, der die größten Hallen füllt. Am 19. Juni spielte sie beispielsweise vor 8.000 Besuchern in der Royal Albert Hall in London. Die Karten waren in kürzester Zeit verkauft. Sowas hört man sonst nur von Konzerten mit berühmten Pop-Künstlern.

Wir trafen eine völlig entspannte Valentina Lisitsa im Auswahlzentrum der Bösendorfer Klaviermanufaktur in Wiener Neustadt, wo wir mit ihr über Klaviere, Klänge und ihr Leben sprachen. Lesen Sie hier das Interview:

Valentina Bruno news

Bruno Weinberger: Du hast dir gerade einige der neuen Bösendorfer Flügel und die neuesten Entwicklungen hier im Auswahlzentrum angesehen. Dein erster Eindruck?
Valentina Lisitsa: Mein erster Besuch bei Bösendorfer war, glaube ich, vor 12 Jahren. Inzwischen besitze ich drei Bösendorfer Flügel: Zwei Konzertflügel, 275 und 290 Imperial in USA, und das kleine Modell 170 in meiner neuen Wohnung in Paris. Die Fabrik habe ich heute noch nicht gesehen, wir gehen später los, weil ich noch auf meinen Mann und meinen Sohn warte, der die Werkstätten unbedingt sehen will. Aber ich habe mir inzwischen die neuesten Entwicklungen zeigen lassen. Wunderbar!

Bruno Weinberger: Du wolltest ja eigentlich Schachweltmeisterin werden. Heute bist du die meistgesehene Pianistin der Musikgeschichte. Was ist schief gelaufen?
Valentina Lisitsa: Das ist eine etwas kuriose Geschichte. Ich erkläre Dir gerne, warum ich Schachspielerin werden wollte. Pianistin zu sein bedeute damals nicht das, was es heute für mich bedeutet, Künstler zu sein, Musik zu spielen. Man kennt ja den Ruf der berühmten russischen Klavierschule. Das ist vergleichbar damit, was andere Länder der Welt bei olympischen Bewerben machen. Es geht nur um den Sieg. Um Vorbereitung, trainieren, üben, trainieren, um den nächsten Musikwettbewerb zu gewinnen. Das gesamte Training ist nur darauf ausgerichtet. Ein sehr sportlicher Zugang. Was nachher passiert, ist nicht wichtig. Aus der Sicht eines Kindes ist das alles schwer zu verstehen. Bei olympischen Spielen gibt es Stoppuhren, man muss schneller laufen oder höher springen als die anderen. Wenn wir das auf Musikwettbewerbe übertragen, schauen die Leute auf Fingergymnastik, Fingersätze und Geschwindigkeit. Und dann gibt es auch noch den kleinen künstlerischen Aspekt, den man nicht quantifizieren kann. Es gibt keine Stoppuhr dafür und die Zuhörer haben verschiedene Meinungen. Für mich als Kind war es unglaublich schwierig herauszufinden, wie das alles funktioniert. Es fiel mir schwer zu verstehen, dass es nicht nur um mein Spiel geht, sondern darum, wer mein Lehrer ist, wen er kennt, wer in der Jury sitzt etc. Auf mich wirkte das sehr unfair. Schach hingegen war für mich ein Fluchtweg, das Entkommen aus der Situation. Bei Schach hast du nur dein Wissen, deine eigene Erfahrung. Wenn du mehr weißt, mehr Erfahrung hast, aggressiver und besser spielt, gewinnst du. Oder du verlierst. Alles ist eindeutig, ich habe es in der Hand, die Welt ist klar. Schach in Russland ist wie Fußball in Deutschland oder Schifahren in Österreich. Ich war 11 Jahre alt, als ich begonnen habe, mich mit Schach zu beschäftigen.
Es war die Zeit des Umbruchs vom alten sowjetischen System zur neuen Generation. Karpov gegen Kasparov. Das hat uns allen so viel Inspiration gegeben. Wir konnten gegen das Establishment ankämpfen, so wie der junge Kasparov gegen den Weltmeister Karpov. Und er hatte gewonnen! Für Kinder wie mich war die Lebensgeschichte von Kasparov unglaublich inspirierend: Egal, wie schlimm die Situation im Moment auch ist, du kannst alles schaffen, egal was war oder kommt. Jedenfalls habe ich Jahre gebraucht um zu verstehen, dass ich mich beim Klavierspielen mit niemandem messen muss, dass ich nicht gegen mich selber antreten muss und dass ich niemandem mit meinem Klavierspiel gefallen muss. Das schlimmste an den Wettbewerben ist, dass man jemanden beeindrucken will. Schnellstes Spiel, sauberstes Spiel, lautestes Spiel. Zur gleichen Zeit muss man besonders vorsichtig sein. Das wichtigste ist, keine Fehler zu machen, also bloß keine Risiken eingehen. Das ist ein sehr schmaler Grat, auf dem man sich bewegt. Was mag die Jury, was gefällt ihr nicht? Musik hingegen, also das eigentliche und künstlerische in der Musik, ist ja genau das Gegenteil. Nicht versuchen, jemandem zu gefallen, jemanden glücklich zu machen, jemanden zu unterhalten. Man ist bei der Musik und bei sich selbst. So muss das sein.

Bruno Weinberger: Wie alt warst du, als du beschlossen hast, eine professionelle, klassische Pianistin zu werden und davon auch zu leben?
Valentina Lisitsa: Das war in meinen späten Teenager-Jahren, als ich verstanden habe, dass ich mich beim Spielen mit niemandem messen muss. Ich lerne die Musik und teile meine Liebe dafür mit meinen Zuhörern.

Bruno Weinberger: Du wurdest 1991 international bekannt durch den 1. Preis beim »Dranoff International Two Piano Competition« mit deinem Ehemann Alexei Kuznetsoff als Duopartner. Berühmt wurdest du durch deine Youtube Videos. Fast 50 Millionen Zugriffe auf deinen Youtube-Kanal, die Mondscheinsonate alleine mit fast 4 Mio Klicks. War das geplant?
Valentina Lisitsa: Nein überhaupt nicht. Ich habe, wie viele andere auch, einfach begonnen, Stücke online zu stellen. Das Musikbusiness ist wirklich sehr schwierig. Da gibt es das Establishment. Und das macht es einem sehr, sehr schwer, den Durchbruch zu schaffen. Ich stand mehrmals vor Kreuzungen in meinem Leben, an denen ich mich entscheiden musste, ob ich wirklich mit der Musik weitermachen sollte. Nicht wegen des Geldes oder ob ich davon leben könnte,

»Es ist wahnsinnig schwierig, ein Konzertpianist zu
sein, ohne Konzerte und ohne Publikum.«

sondern: Will mir überhaupt jemand zuhören? Es ist wahnsinnig schwierig, ein Konzertpianist zu sein, ohne Konzerte und ohne Publikum. Ich kenne viele Leute, fantastische Klavierspieler, die Top Instrumente zu Hause haben und alle Chopin Etüden spielen können. Es sind Ärzte, Physiker, Mathematiker. Sie haben ihren Job und spielen für sich selber. Als Profi spielt man für andere. Wenn man ein neues Stück lernt, ist es weil man auf die Bühne gehen wird und es für andere spielen will. Man spielt es nicht für sich selber oder für die Familie. Ich mache also ein Produkt, das für den Export bestimmt ist. Das Schlimmste für einen Pianisten ist, das Stück dann nicht mit anderen teilen zu können, also nicht auf der Bühne spielen zu können. Wenn man einen mächtigen Agenten oder eine große Plattenfirma hinter sich hat – gut. Wenn nicht, dann ist Youtube ist einer der wenigen möglichen Wege, für Menschen spielen zu können.

Bruno Weinberger: Wie viel übst du?
Valentina Lisitsa: Das kannst du dir im Internet ansehen. Ich habe beim Üben eine Kamera im Flügel und das wird live im Internet übertragen (Anm: www.ustream.tv, www.livestream.com). Letzten Monat bin ich in Paris in eine kleine Wohnung mit meinem Bösendorfer 170 eingezogen und habe die Europatournee vorbereitet. Ich habe die Kamera in den Flügel gestellt und eine Woche geübt. Jeder konnte zusehen. Wenn jemand vor dem Frühstück seinen Computer eingeschaltet hat, konnte er mich sehen. Und am Abend wieder, ob ich noch am Üben war. Manche Leute sind frustriert, wenn sie sehen, dass ich 10 bis 14 Stunden täglich übe. So ist das Leben einer Konzertpianistin. Viele junge Menschen werden von der Musik inspiriert und wollen Musiker werden. Sagen sie. Was aber bedeutet es, ein Konzert-Musiker zu sein? Es geht nicht darum, auf die Bühne zu gehen, Konzerte spielen, Blumen bekommen, Fans haben, CDs signieren. Die wirkliche Arbeit passiert davor. Jeden Tag Arbeit. Es ist wichtig für jungen Menschen zu sehen, wie es wirklich ist.

Der Weinberger: Würdest du jungen talentierten Klavierspielern empfehlen, den Beruf des Konzertpianisten anzustreben?
Valentina Lisitsa: Wenn sie Musik lieben – Ja. Ich wäre glücklich darüber. Du kennst sicher das Sprichwort: Wenn du tust, was du liebst, wirst du keinen Tag deines Lebens arbeiten. Wenn du die Musik der Musik halber wirklich liebst, wie die Stücke von Chopin, Liszt, Rachmaninow, Mozart, Schubert, wenn das wirklich dein Leben bestimmt, dann mache dich auf und werde Musiker. Und dann wird alles andere von selber kommen.

Der Weinberger: Warum glaubst du, dass die Popularmusik so viel mehr Fans hat als die klassische Musik?
Valentina Lisitsa: Zuerst muss man sagen, dass es ein viel besseres Geschäft ist. In unserer Gesellschaft gibt es dieses Elitedenken. Es gilt, ausgebildet zu sein, um Kunst oder Musik verstehen zu können. Dieser kollektive Denkfehler hält viele Menschen davon ab, in ein Museum oder ein Konzert zu gehen. Ich kenne junge wie alte Leute, die nie einen Konzertsaal von innen gesehen haben. Wenn man sie dann mitnimmt, lieben sie es. Aber sie hätten von sich aus nie ein Ticket gekauft und ein Konzert besucht. Wir sprechen alle darüber, dass das Publikum bei klassischer Musik immer älter wird, während die jungen Leute fast nur Popmusik hören. Ich sehe diese Situation aber etwas anders. Bei den Vorbereitungen für Chopin Aufnahmen habe ich viel über den Menschen Chopin recherchiert. Seine Tagbücher, Briefe von und an Freunde, etc. Als Frederic Chopin das letzte Konzert seines Lebens gespielt hat – es war in Edinburgh – ging er in einen großen Saal. Es war wichtig für ihn, dass es ein finanzieller Erfolg würde, denn er brauchte Geld. In einem Brief schrieb er anschließend, dass nur wenige und alte Leute gekommen waren, weil die jungen alle zum Jagen aufs Land gefahren waren, weil die Jagdsaison begonnen hatte. Also sogar schon vor 200 Jahren hat sich Chopin über ein überaltertes Publikum beschwert. Die sterben offenbar nicht.
Ich erzähle dir meine Version: Es ist wundervoll, dass sich junge Menschen für Musik interessieren. Ok, vielleicht gefällt uns die bumm bumm Musik nicht. Dabei dürfen wir aber nicht vergessen, dass Kritiker auch Schubert als Pop-Komponisten beschrieben haben, nicht als seriösen, klassischen Musiker. Genauso bei Mozart. Und wie kommen wir dazu, zu behaupten, dass die Beatles keine klassische Musik gemacht heben – zeitgemäße klassische Musik? Vielleicht ist das die neue Klassik? Man kann es auch damit vergleichen, wie Menschen den Geschmack von guten Wein kennen lernen. Wenn Jugendliche ans College gehen, gehen sie zu ersten Mal aus und trinken was. Irgendwas prickelndes, süßes. Wein mit Zusatzgeschmacksstoffen oder Bier. Also Getränke mit einfachem Geschmack. Es dauert Jahre, bis man einen guten Wein zu schätzen weiß. Die dunklen Geschmacksnoten den Fruchtgeschmack, den Geschmack des Fasses, usw.

Der Weinberger: Was bedeutet das, umgelegt auf klassische Musik?
Valentina Lisitsa: Was ich auf Youtube beobachte ist, dass die Anzahl der Menschen, die klassische Musik mögen, geradezu explodiert. Mein Kanal ist nur eine Reflexion, ein Spiegel. Was wir sehen, ist nur die Oberfläche. Ich bekomme mails aus den sogenannten Entwicklungsländern wie Südamerika und Asien die mir zeigen, wie sehr die Menschen dort an klassischer Musik interessiert sind. Das wird mehr und mehr. Youtube hat die klassiche Musik weltweit zu einem demokratischen Gut gemacht. Die Leute aus der dritten Welt können nicht zu uns kommen. Und die großen Namen der Klassikwelt kommen nicht zu ihnen. Sie hatten keine Möglichkeit, sich an der Musikwelt zu erfreuen. Bis Youtube gekommen ist.

Der Weinberger: Was hältst du von der TV-Castingshow in England, die klassische Talente sucht?
Valentina Lisitsa: Ich habe davon gehört. Sie haben junge Musiker gefunden, die hauptsächlich crossover gespielt haben. Das Ganze ist nur ein Versuch, das Niveau der klassischen Musik zu senken, um den Geschmack der breiten Masse zu treffen. Was ich aber nicht verstehen kann. Die Menschen sind durchaus in der Lage, ohne entsprechende Bildung oder Vereinfachung, sich an klassischer Musik zu erfreuen.

Der Weinberger: Wenn du die Wahl hast, spielst du Bösendorfer Flügel im Konzert. Warum?
Valentina Lisitsa: Weil es hier Instrumente gibt, die einem sofort ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Der Grund, warum ich am liebsten auf einem Bösendorfer spiele ist dieser dunkle, gehaltvolle Klang. Bösendorfer ist ein seriöser, ehrlicher Flügel. Er hat einen wunderschönen weichen und mächtigen Bass und die Mittellage und der Diskant

»Der Grund, warum ich am liebsten auf einem Bösendorfer
spiele ist dieser dunkle, gehaltvolle Klang.
Bösendorfer ist ein seriöser, ehrlicher Flügel.«
Valentina Imperial quer 700

klingen sehr ausgewogen und sind gestaltbar. Es fällt mir auf einem Bösendorfer leicht, den Klang zu erzeugen, den ich mir vorstelle. Das Prickeln im Klang, zusammen mit dieser Reichhaltigkeit des Tones sind mir sehr wichtig, denn es wird sehr schwierig, wenn das nicht im Klavier schon eingebaut ist. Ich vergleiche den Klang gerne mit High Definition Fernsehen. Wenn man heute einen Film auf einem alten Fernseher ansieht, denkt man, wie konnten unsere Eltern sich so etwas ansehen? Andererseits zeigt HD Fernsehen vieles ganz genau. Zum Beispiel musste man das Makeup neu kreieren, weil man alles so genau sieht. Umgelegt auf die Klavierwelt heißt das: Auf einem amerikanischen Steinway mit weichen Hämmern, mit Spray getränkt, kann man nicht viel herausholen und gewöhnt sich daran. Wenn man dann zu einem Klavier wechselt, dass so viel klarer und genauer zeichnet, könnte man im ersten Moment schon hysterisch werden, weil man jedes Problem im Spiel sofort hört. Dafür hört man vieles deutlich detaillierter. Bösendorfer ist so ein High-Definition-Piano.

Der Weinberger: Viele Kinder lernen heute Klavier auf E-Pianos. Wie stehst du dazu?
Valentina Lisitsa: Es ist eine Tragödie, ein Horror für die Kinder. Und ich sage Dir auch warum: Jeder weiß, dass es gut für die Entwicklung eines Kindes ist, ein Haustier zu haben, einen kleinen Spielgefährten. Es tut den Kindern gut und sie lernen, sich dauerhaft um das Tier zu kümmern und Verantwortung zu übernehmen. Mittlerweile gibt es auch elektronische Tiere. Man muss sich auch füttern, aber es sind elektronische Spielzeuge. Aber jeder weiß, dass ein Roboterhund keinen echten Hund ersetzen kann. Das Selbe gilt für Klaviere. Ein Digitalpiano ist ein Spielzeug. Ja, gut, manchmal ist es  nützlich. Man kann Kopfhörer aufsetzten und man kann es leicht um

»Auf einem E-Piano spielen ist eine Einwegkommunikation.
Egal was du auch machst, der Klang verändert sich nicht.
Selbst ein altes, mangelhaftes Klavier ist besser.«

umstellen. Aber es ist alles ein fake, eine Täuschung. Und der Klang ist als »Preset« schon hergestellt. Dies tötet einfach jede Möglichkeit, Vorstellungskraft zu entwickeln. Auf einem E-Piano spielen, ist eine Einwegkommunikation. Egal was du auch machst, der Klang verändert sich nicht. Selbst ein altes,  mangelhaftes Klavier ist besser – vergleichbar mit einer Sandkiste für Kinder. In einer Sandkiste können Kinder alles bauen: Burgen, Tunnels, Eisenbahn, was auch immer – der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Das gleiche gilt für Klaviere. DAS ist das wirkliche Leben. Da gibt es Holz, Saiten, Schwingungen. Ein Piano antwortet auf verschiedene Arten. Ich komme ja auch oft in Schulen. Da beobachte ich, dass Klaviere sehr oft abgesperrt werden. Das gefällt mir gar nicht. Ich sage, man sollte die Kinder spielen lassen – Klavierspielen wie in der Sandkiste. Manchmal werden alte Klavier weggeschmissen. Das würde ich nicht tun. Lasst doch die Kinder damit spielen!

Der Weinberger: Du bist von der Ukraine nach USA und nun nach Paris übersiedelt. Warum?
Valentina Lisitsa: Ich wollte die Ukraine weit hinter mir lassen und war viele Jahre in den USA. In Wahrheit lebe ich aber am Flughafen. Wir sind sehr viel unterwegs, ich spiele 80 bis 90 Konzerte im Jahr. Darum habe ich mir nun auch eine Wohnung in Paris genommen, um in Europa ein Zuhause zu haben.

Der Weinberger: Was sagst du zu den Wahlen in der Ukraine und zu Vladimir Klitschko?
Valentina Lisitsa: Ich verfolge die politischen Entwicklungen nur am Rande.

Der Weinberger: Was machst du, wenn du dich nicht mit Klaviermusik beschäftigst – irgendwelche Hobbies?
Valentina Lisitsa: Auf unseren Reisen – mein Ehemann und Sohn sind meistens mit mir unterwegs – machen wir viel Sightseeing. Natürlich unter besonderer Rücksicht auf meinen 7-jährigen Sohn. Wir gehen in Zoos, sehen uns Gebäude und Ausstellungen an, wie eine ganz normale Familie.

Der Weinberger: Wie würdest du deinen Klang beschreiben – was macht dich besonders?
Valentina Lisitsa: Das hängt natürlich auch vom Flügel ab. Als Pianistin der russischen Schule erwarten die Leute vielleicht harte Anschläge, reißende Saiten, schweres Spiel. Ich mache genau das Gegenteil. Ich versuche mit dem Klavier zu singen und zu sprechen.

Der Weinberger: Was möchtest du erreichen, was ist dein großesZiel?
Valentina Lisitsa: Ich möchte so viele Werke wie nur möglich kennenlernen und mit anderen teilen. Natürlich weiß ich, dass ein Leben nicht ausreicht, um alle jemals komponierten Klavierwerke zu spielen. Aber ich möchte so viele wie nur irgend möglich spielen.

Der Weinberger: Welche Projekte verfolgst du aktuell?
Valentina Lisitsa: Derzeit bereite ich die Aufnahmen für die kommende Rachmaninow CD in London vor. Und dann habe ich mir vorgenommen, alle Beethoven Sonaten aufzunehmen. Das ist aber ein

»Beethoven ist mein persönlicher Mount Everest«

Langzeitprojekt. Die Noten sind einfach zu lernen. Viel schwieriger ist es, die Musik zu verstehen und zu vermitteln. Es geht darum, möglich das auszudrücken, worum es dem Komponisten gegangen ist. Ich bin die Linse, durch die meine Zuhörer den Komponisten sehen. Aber wie gesagt, das braucht seine Zeit. Beethoven ist mein persönlicher Mount Everest.

Der Weinberger: Danke fürs Gespräch!

Vita Valentina Lisitsa

geboren 1973 in Kiew, Ukraine; begann mit drei Jahren, Klavier Valentina Tor hochzu spielen und gab ihren ersten Soloklavierabend schon ein Jahr später; wollte eigentlich Schachspielerin werden; 1991 gewann sie mit Kuznetsoff den ersten Preis bei der »Dranoff International Two Piano Competition«; lebt in den USA und Paris und gibt weltweit 80 bis 90 Konzerte. Ihr Ehepartner Alexei Kuznetsoff, mit dem sie einen 7-jährigen Sohn hat, ist ebenfalls Pianist. Mit ihm tritt sie auch als Klavierduo auf. Mehrere CD-Aufnahmen für Audiofon Records sowie eine DVD mit Frédéric Chopins 24 Etüden (2004) und die DVDs Schubert-Liszt Schwanengesang (2005) und Black and Pink (2007). Seit 2012 bei Decca Records unter Vertrag. Letzte CD und DVD »Valentina Lisita Live At The Royal Albert Hall«. Rund 50 Mio views auf Youtube (Stand Nov. 2012)
www.valentinalisitsa.com